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Richard Prince: Zur Destabilisierung vertrauter Bildwelten

Richard Prince

von Anna Voswinckel,

Zu ihrem 250. Geburtstag präsentiert die Albertina eine umfassende Schau des US-Amerikaners Richard Prince (geb. 1949), eines der bedeutendsten Vertreter:innen der Appropriation Art. Kuratiert von Walter Moser, sind ca. 150 Werke von den 1970er Jahren bis zur Gegenwart ausgestellt, die die Systematiken medialer Repräsentation konsequent in Frage stellen. Die Retrospektive eröffnet einen vielschichtigen Blick auf Princes langjährige fotografische und bildanalytische Praxis und seine kontinuierliche, kritische Befragung ästhetischer und gesellschaftlicher Konventionen, insbesondere von Geschlechterbildern. Vor diesem Hintergrund führte Anna Voswinckel ein Gespräch mit Kurator Walter Moser.

A.V.Lieber Walter, ich freue mich, mit dir über die Ausstellung und das Werk von Richard Prince zu sprechen. Wie ist diese Schau entstanden?

W.M.Ich habe vor vier Jahren mit der Arbeit an der Ausstellung begonnen. Richard Prince war für mich seit Anfang der 2000er Jahre eine präsente Figur. Als ich dann in New York sein Studio besuchte, wurde mir klar, wie vielfältig sein Œuvre tatsächlich ist und wie viele Arbeiten es noch zu entdecken gibt. Selbst Fachkolleg:innen kennen oft nur die Cowboys, vielleicht noch Spiritual America oder die Girlfriends. Die Ausstellung legt den Fokus auf die Fotografie, zeigt aber auch Malerei und Skulptur. Die Fotografie war bei Prince von Anbeginn an das Leitmedium. Mir ging es darum zu zeigen, wie vielfältig seine fotografische Praxis ist, wie er durch die Fotografie die Appropriation immer wieder neu definiert und wie differenziert er dadurch Massenmedien analysiert. Ein wichtiger Ausgangspunkt ist die frühe Serie Magic Castle, die weitgehend unbekannt ist. Als Zwanzigjähriger reist Prince durch Europa, besucht die Loire-Schlösser, Berlin, Paris und Wien. Er fotografiert typische Sehenswürdigkeiten, kauft aber auch kommerzielle Dias in Souvenir- und Museumsshops. Zurück in den USA kombiniert er beides und erkennt, dass sich die eigenen Bilder von den gekauften kaum unterscheiden. Hier nimmt seine zentrale Frage ihren Ausgang: Was ist Originalität? Ist ein eigenständiger Blick auf die Welt überhaupt möglich? Oder ist unsere Wahrnehmung immer schon von anderen Bildern geprägt?

A.V.Interessant ist ja auch, dass diese Auseinandersetzung mit amerikanischer Bildkultur eigentlich in Europa beginnt.

W.M.Genau. Das ist wirklich bemerkenswert, gerade wenn man bedenkt, wie stark Prince später mit der Untersuchung US-amerikanischer Mythen verbunden wird.

A.V.Warum aber jetzt ausgerechnet eine Richard-Prince-Ausstellung und keine Ausstellung zur Pictures Generation?

W.M.Es gab 2009 eine umfassende Ausstellung zur Pictures Generation im Metropolitan Museum, die bis heute eine wichtige Referenz darstellt, auch für unser Projekt. Mir war es jedoch ein Anliegen, Prince selbst in den Mittelpunkt zu stellen, zumal er der radikalste Vertreter der Pictures Generation ist und es zu seinem Schaffen noch nie eine große Ausstellung in Wien gab. Hinzu kommt, dass seine Arbeit bis heute aktuell und brisant ist. Seine Fragen zur Appropriation, zur Autor:innenschaft und Bildzirkulation sind im digitalen Zeitalter nur noch relevanter geworden. Princes Kunst ist analytisch und konzeptuell, aber gleichzeitig verführerisch und popkulturell anschlussfähig.

A.V.Wie würdest du denn seine Rolle innerhalb der Pictures Generation beschreiben?

W.M.Die legendäre Ausstellung „Pictures“ von Douglas Crimp formulierte 1977 erstmals, dass Bilder immer anderen Bildern zugrunde liegen und dass diese nie neutral, sondern immer gesellschaftlich und ideologisch codiert sind. Mit seinen analytischen Tiefenbohrungen und seiner Praxis der Appropriation, bei der Vorlage und eigenes Werk oftmals beinahe zusammenfallen, hat Prince diese Fragen tatsächlich am konsequentesten untersucht. Interessanterweise waren aber weder er noch Cindy Sherman damals in dieser Ausstellung vertreten, obwohl sie beide heute Aushängeschilder der Gruppe sind. Prince arbeitete lange eher im Verborgenen, er war ein Artist’s Artist und hat früh mit den Grenzen zwischen Realität und Fiktion gespielt. Ein angebliches Interview mit dem Schriftsteller J.G. Ballard hat sich später als von Prince selbst verfasst herausgestellt. Darin erzählt er seine halb wahre, halb erfundene Lebensgeschichte. Genau dieses Spiel mit konstruierten Identitäten zieht sich durch sein gesamtes Werk.

A.V.Und er schreibt ja auch selbst sehr gut.

W.M.Seine Texte sind sehr zu empfehlen. In Why I Go to the Movies Alone reflektiert er in der Rolle des Zuschauers darüber, wie sehr unser Begehren und unsere Wünsche von Bildern geprägt werden.

A.V.Ein wichtiger Ausgangspunkt war auch seine Arbeit bei Time Life.

W.M.Genau. Dort arbeitete er im Clipping Department, schnitt Texte aus, übrig blieben die Bilder. Er war fasziniert von der verführerischen Qualität der Werbebilder und entwickelte daraus seine Praxis der Re-Fotografie. Prince nutzt jedoch vielfältige Formen der Bildmanipulation. Im Konzeptpapier Eight-Track Photograph, das wir in der Ausstellung zeigen, schlüsselt er seine Strategien auf: Er verändert z.B. Farbwerte, arbeitet mit Vergrößerungen, Collagen oder Wiederholungen in Bildgruppen. Allen Arbeiten gemeinsam ist die Destabilisierung vertrauter Bildwelten. Die Motive wirken alltäglich und irritierend zugleich. Die monumentale Vergrößerung der Gesichter aus Modeaufnahmen verdeutlicht, wie sehr diese als Projektionsflächen kultureller Fantasien funktionieren.

A.V.Gleichzeitig spielt das Geschlecht in diesen Bildern immer eine zentrale Rolle.

W.M.Absolut. Geschlechterverhältnisse sind schon der Appropriation Art selbst eingeschrieben, denn diese war stark weiblich konnotiert. Auch wurde die Fotografie als außerhalb der klassischen Kunstgeschichte stehendes Medium zum zentralen Mittel feministischer Praktiken. Prince beschäftigt sich mit Stereotypen, indem er herausarbeitet, wie männliche und weibliche Modelle inszeniert werden. In seinen frühen Fotografien steht ein und dasselbe männliche Model immer wieder selbstbewusst im urbanen Raum, schaut direkt in die Kamera. Frauen werden hingegen anders präsentiert: mit leicht geneigtem Kopf, den Blick aus dem Bild gerichtet, die Lippen teilweise geöffnet. Sie veranschaulichen also Formen der visuellen Verführung, mit der uns die Werbefotografie adressiert. Prince nutzt die Wiederholung ähnlicher Motive, um Muster zu untersuchen, die auch zeigen, wie tief solche Bilder und Rollen in unserem Bewusstsein verankert sind. Identität oder Begehren werden über solche visuellen Codes erzeugt. Darum lässt sich sein Werk auch als Dekonstruktion klassischer Maskulinität lesen. Queer-feministische Perspektiven waren von Anfang an für ihn wichtig. Prince war, zumindest bis zum Skandal rund um Spiritual America 1983, Ehrenmitglied feministischer Gruppen. Auch inszenierte er Rollenspiele mit seiner damaligen Partnerin Cindy Sherman. Seine frühen Appropriationen männlicher Modelle hat er im öffentlichen Stadtraum von New York im Schaufenster einer Buchhandlung gleich um die Ecke vom Stonewall Inn präsentiert, dem Schauplatz der Unruhen von 1969, die den Anstoß zur Schwulenrechtsbewegung gaben. Damit geht er auch eine symbolische Allianz mit einer queeren Öffentlichkeit ein. Christian Liclair hat dazu einen erhellenden Text für unseren Katalog verfasst. Princes Appropriationen hypermaskuliner Models treffen so auf Menschen, die solche Normen hinterfragen und sich durch Überaffirmation aneignen. Diese Ambivalenzen sind bei ihm sehr wichtig.

A.V.Das sieht man ja auch besonders bei den Cowboys und den Girlfriends.

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W.M.Die Cowboys bedienen den amerikanischen Mythos von Freiheit und Männlichkeit. Prince appropriiert Marlboro-Werbungen, entfernt Logos und Texte und definiert neue Bildausschnitte. Dadurch beginnt die Fiktion wahr zu werden. Geschlechterverhältnisse sind übrigens auch der Marlboro-Werbung ursächlich eingeschrieben, sollten sie doch eine männliche Käuferschicht ansprechen. Und diese Bildsprache ist auch mit einer politischen Ideologie verknüpft: Die USA hatten mit Ronald Reagan damals schließlich einen ehemaligen Western-Schauspieler und Cowboy-Darsteller zum Präsidenten. Princes Bilder basieren einerseits auf einem reflexiven Zugang, andererseits nutzt er die Verführungskraft der Vorlagen. Genau diese Ambivalenz zwischen Kritik und Affirmation macht die Arbeiten auch so reizvoll: Bestätigen sie US-amerikanische Mythen, oder dekonstruieren sie diese? Die Girlfriends sind ähnlich komplex. Im Unterschied zu den Cowboys verwendet Prince hier jedoch keine professionellen Werbebilder, sondern Amateurfotografien aus Biker-Magazinen, für die Männer ihre auf Motorrädern posierenden Freundinnen fotografierten. Diese Bilder zeigen eindeutig stereotype Geschlechterrollen. Gleichzeitig blicken die Frauen aber direkt in die Kamera und sind ganz offensichtlich aktiver Teil der Inszenierung. Prince monumentalisiert diese Amateurbilder, ohne indes ihre technischen Mängel zu kaschieren. Er bewertet nicht und lässt offen, ob wir hier einem Akt der Selbstbehauptung oder der Fremdbestimmung beiwohnen. Anders als bei Spiritual America gibt es keinen klaren kritischen Hinweis, beispielsweise durch die Wahl des Titels.

A.V.Die feministische Theorie hat ihn oft positiv gelesen.

W.M.Ja, weil sie das Subversive in seinen Werken geschätzt hat. Prince entdeckt eine Bildkultur, die gewöhnlich unter den Teppich gekehrt wird, zieht diese Subkultur aber nicht ins Lächerliche. Er stellt die Strukturen von Begehren und Macht, die in den Bildern angelegt sind, zur Diskussion.

A.V.Auch die Gangs funktionieren ja über solche Strukturen.

W.M.Die Gangs sind für mich Schlüsselarbeiten. Dort entwickelt Prince sein Verfahren der Bildkombination besonders anschaulich. Mehrere Bilder werden über Internegative zusammengebracht, was zu völlig neuen Konstellationen führt. Einerseits erinnert das an Aby Warburg und den Bilderatlas-Gedanken, andererseits unterläuft Prince hier jede Form eines objektiven Archivierens, weil seine Auswahl völlig subjektiv bleibt. Es sind einfach Bilder, mit denen er sich identifiziert. Die Materialien reichen dabei von Werbung über Motorrad-, Waffen- und Filmmagazine bis hin zu Comics. Durch die Wiederholung bestimmter Ikonografien unterläuft er vorgefasste Lesarten von Bildern.

A.V.Überraschend finde ich die auf den ersten Blick klassisch-dokumentarisch wirkende Serie Upstate – zunächst einmal, weil er zur Abwechslung Fotos vom realen, dreidimensionalen Raum macht.

W.M.Und doch berührt auch diese Serie den Kern seines Werks, hier jedoch durch Fotografien seines Lebensumfelds in Upstate New York: Basketballkörbe, Garagen, Autos, Marlboro-Werbung, Landschaften, Stella Tennant. Dokumentarische Bilder stehen neben appropriierter Fotografie. Dadurch verschwimmen Fakt und Fiktion ständig. Die Serie fragt letztlich, ob wir überhaupt noch einen unverstellten Blick auf die Wirklichkeit haben können.

A.V.In den späteren Arbeiten werden Collage und Materialität immer wichtiger.

W.M.Genau. Prince sammelt obsessiv Bücher, Magazine, Filmstills, Werbematerialien. In späteren Arbeiten greift er auf seine eigene Sammlung zurück und montiert Originalmaterialien wie Buchcover, Starportraits und Filmstills zusammen, um zu untersuchen, wie Bilder Bedeutung produzieren. In einer Serie arbeitet er mit dem Topos der sexy Krankenschwester, einer Figur, die tief in der Populärkultur verankert ist. Prince interessiert sich dabei immer für das Ähnliche im Unterschiedlichen, nämlich dafür, wie sich bestimmte Fantasien, Projektionen und Machtstrukturen durch vielfältige Medien ziehen und immer wieder neu manifestieren.

A.V.Dann lass uns jetzt zu Spiritual America kommen.

W.M.Das ist wahrscheinlich die schwierigste Arbeit der Ausstellung. Wir haben lange darüber diskutiert, wie wir sie präsentieren sollen. Prince appropriierte 1983 ein Foto der zehnjährigen Brooke Shields, das von Garry Gross aufgenommen worden war. Gross hatte Shields im Auftrag ihrer Mutter nackt und hochgradig sexualisiert in einer Badewanne stehend fotografiert. Prince stellte seine Version in einem eigens nur dafür angemieteten Galerieraum aus und reflektierte damit unseren Voyeurismus und die Machtstrukturen von Bildern, die über das rein Visuelle hinausgehen. Gleichzeitig eignete er sich den Titel Spiritual America von Alfred Stieglitz an, der damit seinerseits durch die Aufnahme eines kastrierten Pferdes eine seiner Meinung nach scheinheilige und nur von kommerziellen Interessen geprägte US-amerikanische Kultur kritisiert hatte. Im Jahr 2005 entwickelte Prince diese Arbeit in Zusammenarbeit mit Brooke Shields für Spiritual America IV weiter. Shields wiederholt die Pose von damals, diesmal aber selbstbestimmt, als erwachsene Frau, und gewinnt damit die Kontrolle über das frühere Bild zurück. Wir haben uns nun entschieden, nur diese Version zu zeigen, da sich die Diskussion um die Ausstellung ansonsten erfahrungsgemäß hauptsächlich um dieses eine Werk drehen und die vielen anderen Themen außer Acht lassen würde.

A.V.Ich kann das nachvollziehen: Es geht ja auch um ein bewusstes Überschreiben des ursprünglichen Bildes. Und das Bild lässt sich ja ohnedies einfach im Netz finden. Indem es den Besucher:innen hier entzogen wird, macht ihr als Institution deutlich, welchem Bildbegehren ihr eine Plattform geben wollt. Und die Instagram-Arbeiten führen diese Fragen auch noch einmal in die Gegenwart.

W.M.Absolut. Prince erzeugt Screenshots von Bildern auf der Plattform Instagram, vergrößert sie und überträgt sie auf Leinwand, wodurch er ihre spezifische Medialität sichtbar macht. Ohne materiellen Träger sind Instagram-Bilder nämlich von geringer technischer Qualität. Vor allem geht es ihm aber um die paradoxe Ökonomie Sozialer Medien: Aufmerksamkeit, Likes, Daten, Selbstinszenierung – das vermeintliche Gratis-Angebot im Netz macht doch vor allem uns selbst zur Ware. Aber auch Sprache spielt dabei eine große Rolle. Die Kommentare, Emojis und Textfragmente, die Prince unter den Bildern postet, bevor er sie appropriiert, wirken oft absurd oder sinnentleert. Für mich sind diese Arbeiten die logische Fortführung seiner Fragen aus den Siebzigern, nur übertragen auf den digitalen Raum.

A.V.Also geht es letztlich immer wieder um dieselben Fragen.

W.M.Genau. Wem gehört ein Bild? Was ist ein Original, was eine Kopie? Wie entstehen Bedeutung, Begehren und Identität durch Bilder? Das Faszinierende an Prince ist, dass er diese Fragen seit Jahrzehnten durch eine tiefgreifende Untersuchung von Funktionsweisen visueller Medien immer wieder neu stellt und auf oft provokante, aber immer kluge Weise diskutiert.

  1. Spiritual America löst 1983 einen Skandal aus, da in dieser Appropriation und künstlerischen Aufwertung einer sexualisierten Foto-Inszenierung der damals zehnjährigen Brooke Shields die Ambivalenz zwischen kritischer Analyse und problematischer Wiederholung besonders schwer auszuhalten ist. Viele feministische Autorinnen und Kulturtheoretikerinnen haben deshalb argumentiert, dass sich die Arbeit nicht allein über ihre kritische Intention legitimieren lässt, sondern auch nach den konkreten Effekten ihrer Zirkulation gefragt werden muss.

  2. Stella Tennant gehörte zu den prägenden Supermodels der 1990er-Jahre. Bekannt wurde sie durch ihr androgynes Erscheinungsbild und ihren bewusst distanzierten Habitus vor der Kamera. Als Bildfigur, die zwischen Weiblichkeit und Maskulinität, Authentizität und Inszenierung oszillierte, wurde sie zu einer Projektionsfläche gesellschaftlicher Vorstellungen und damit zu einem Motiv, das zentrale Fragestellungen von Richard Princes Werk berührt.

  • INFO
  • Richard Prince

    Richard Prince (geb. 1949) zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Vertreter:innen der Appropriation Art. Seit den 1970er-Jahren setzt sich der in New York lebende Künstler mit den Bildwelten der US-amerikanischen Alltagskultur auseinander. Die Ausstellung „Richard Prince“ ist noch bis 16. August 2026 in der Albertina, Wien zu sehen.