Jon Rafman: Auf dem Trümmerfeld des Internets

von Jorge Sanguino,

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Die Medienkunst in Kanada entwickelte sich parallel zu einer eigenständigen kanadischen Tradition der Medientheorie: Seit Harold Innis und Marshall McLuhan wurden Kommunikationstechnologien hier nicht als neutrale Instrumente verstanden, sondern als Kräfte, die Wahrnehmung, Kultur und soziale Organisation prägen. An diese Tradition schließt Arthur Kroker mit seinen Arbeiten der 1990er Jahre an, wenn er sich der aufkommenden digitalen Kultur zuwendet. Mit Begriffen wie „crash aesthetics“, „virtual class“ und „flesh-eating technoculture“ beschreibt er das Internet und digitale Netzwerke als neue Regime der Wahrnehmung und Kontrolle. Damit demontiert er die frühen Utopien des Netzes und fasst digitale Medien als Orte, an denen Macht, Subjektivität und Körper radikal neu konfiguriert werden.

Dieser theoretische Rahmen ist zentral für das Verständnis von Jon Rafmans Mid-Career-Retrospektive „Main Stream Media“ in der Kunstsammlung NRW, kuratiert von Karen Archey und Doris Krystof. Die Ausstellung konfrontiert die Besucher:innen mit den harten Realitäten des Internets und den Bildproduktionstechnologien im Zeitalter der KI. Bereits die räumliche Inszenierung macht diese Erfahrung physisch erlebbar: Textil- und Kunststoffdraperien bedecken Säulen und Wände, während Teppiche, bedruckt mit Mosaiken aus digitalen und internetbasierten Bildern, einen Raum erzeugen, der noch nach synthetischem Material riecht.

„Main Stream Media“ versammelt ein umfangreiches Werk von 2008 bis heute, das sich, in drei Abschnitte gegliedert, über den Ausstellungsraum verteilt. Im Zentrum steht Nine Eyes of Google Street View, Rafmans fortlaufendes Projekt einer screenshotbasierten found photography. Dafür durchforstet der Künstler die Bilder der neunlinsigen Kamera von Google Street View und isoliert unheimliche, gewaltsame oder absurde Momente, die durch den automatisierten und gleichgültigen Blick der Plattform sichtbar wurden. Rafmans Interesse geht dabei über den zufälligen Fund hinaus. Ebenso entscheidend ist das Verschwinden des Digitalen: Bilder werden gelöscht, überschrieben oder unauffindbar und entziehen sich damit nachträglich dem Archiv. Ausgehend von dem Bild 58 Lungomare 9 Maggio, Bari, Apulien, Italien, 2009, das später aus Google Maps verschwindet, konstruiert Rafman eine Liebesgeschichte, in der das einzige Foto der Geliebten zufällig von einem Google-Street-View-Auto aufgenommen wurde und sich später nicht mehr auffinden lässt.

Das Verschwinden digitaler Räume, Foren und Videospiele ist eines der zentralen Themen der Retrospektive. In Punctured Sky (2021) folgt Rafman der Suche des ehemaligen Gamers Jon nach einem Computerspiel aus dessen Kindheit, das sowohl aus dem Internet als auch aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden zu sein scheint. Die Bildsprache orientiert sich dabei stark an der Videospielgrafik und dem Interface-Design des frühen Internets.

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  • Während die postindustriellen Überreste der Fabriken des 20. Jahrhunderts noch einen gewissen ästhetischen Reiz besitzen, erscheint bei Rafman der schmutzige Schreibtisch mit Computerbildschirm als wiederkehrendes Motiv und als Verkörperung einer zunehmend verfallenden digitalen Welt.

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    Auch digitale Räume sind mittlerweile zu Ruinen geworden: Foren existieren nicht mehr, Bilder lassen sich nicht herunterladen, URLs werden nicht geladen. Während die postindustriellen Überreste der Fabriken des 20. Jahrhunderts noch einen gewissen ästhetischen Reiz besitzen, erscheint bei Rafman der schmutzige Schreibtisch mit Computerbildschirm als wiederkehrendes Motiv und als Verkörperung einer zunehmend verfallenden digitalen Welt. Verschmutzte Tastaturen, Reste von Junkfood, Bücherstapel und Kabelsalat verweisen auf eine gegenwärtige Dystopie, in der das Soziale, das Politische und das Körperliche gleichermaßen in der physischen Realität wie im digitalen Raum entfremdet erscheinen.

    Catastrophonics I–IV, eine vierteilige Videoserie von Rafmans musikalischem Alter Ego Iron Tears, verwendet KI-bearbeitetes Katastrophenmaterial, um Brände, Überschwemmungen und Szenen des Zusammenbruchs in hypnotische Bildsequenzen zu verwandeln. Die KI-generierten Übergänge zwischen den Szenen versetzen die Zuschauer:innen in eine Ich-Perspektive, in der sie die Katastrophenvideos hautnah erleben und zugleich Abscheu angesichts der Gewalt dieser viral gegangenen Bilder empfinden.

    In mehreren seiner Arbeiten greift Rafman auf die Ich-Erzählung zurück, doch in Ebrah K’dabri stößt diese Strategie an ihre Grenzen. Die Videos basieren auf Beiträgen von Nutzer:innen auf Plattformen wie Reddit. Die Erzählungen wirken dabei häufig wie stereotype Beschreibungen westlicher Mittelschichtssubjekte: Groupies, junge Menschen auf der Suche nach neuen Identitäten und andere Figuren digitaler Selbstinszenierung. Diese Geschichten werden durch KI-generierte Bilder zum Leben erweckt, doch die Umsetzung bleibt schwach. Anstatt eine Reflexion über künstliche Intelligenz zu eröffnen, reduziert die Installation sie auf ein bloßes Instrument zur Produktion illustrativer Bilder.

    Auch „Main Stream Media“, Rafmans jüngstes Werk – ein zweieinhalbstündiges Video –, weist diese Schwäche zeitweise auf. Wo der Einsatz neuer KI-Technologien aber Rafmans erzählerische Kraft aufzulösen droht, erinnert Dream Journal 2016–2019 – ein mit 3D-Software und CGI produzierter Film – hingegen an das Bestiarium, das Umberto Eco in Der Name der Rose beschreibt. Halbtierische und halbmenschliche Gestalten – wie sie in der Tradition der mittelalterlichen Malerei und in den Werken von Hieronymus Bosch ihren Ausdruck finden – bevölkern diese Bilder. In diesem Werk wird die Erzählung durch die Bildsprache außer Kraft gesetzt: eine Darstellung, die ihr Ziel erreicht, ohne auf Sprache angewiesen zu sein.

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  • INFO
  • Jon Rafman (geb. 1981 in Montreal) lebt und arbeitet in Los Angeles. Nach dem Studium der Philosophie, Literatur und Film schloss er 2008 die Kunstschule des Art Institute Chicago ab. Rafmans künstlerische Praxis verbindet virtuos erzählte Geschichten mit fantastisch-grotesken Bildern und immersiven Rauminstallationen. „Jon Rafman: Main Stream Media“ ist von 30. Mai bis 27. September 2026 im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, zu sehen.